"Das Land und die Leute haben es verdient, dass man kommt"

02.11.2026 | Erzbischof Burger nach Besuch in Bethlehem: Friedensinitiativen im Heiligen Land stärken

Jerusalem. Bei aller Zerrissenheit des Heiligen Landes will der Freiburger Erzbischof Stephan Burger an der Vision festhalten, dass von hier einst der Frieden für die Welt ausgeht. "Das Land und die Leute haben es verdient, dass man kommt", sagt er zum Abschluss seiner Stippvisite in Bethlehem und Jerusalem im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Bei seinem Besuch anlässlich der Eröffnung der neuen Tageschirurgie am Caritas Baby Hospital in Bethlehem traf Erzbischof Burger unter anderem in der Friedensarbeit engagierte Menschen sowie junge palästinensische und israelische Katholiken.
Sie kommen in einer Zeit, in der das Land so zerrissen ist, wie vielleicht noch nie. Wie nehmen Sie als Außenstehender die Stimmung wahr?
Erzbischof Stephan Burger: Dass diese Zerrissenheit polarisiert und immer stärker wird, nimmt man in den Gesprächen sehr wohl wahr. Das gibt Grund zur Frage, wohin das Land sich generell bewegt. In dieser Situation ist es umso wichtiger, Solidarität mit den Menschen vor Ort zu zeigen. Wir können nicht das politische Spiel betreiben, aber wir können die Menschen ermutigen, die sich um Frieden bemühen. Zum Frieden miteinander gibt es keine Alternative. Wenn die Geschichte eines lehrt, dann genau das: Wir können noch so große Mauern hochziehen, wir können noch so viel Abschottung betreiben, aber alle Ausgrenzungen werden nicht weiterführen. Wir müssen miteinander einen Weg finden, bei aller Unterschiedlichkeit. Das gilt für uns zu Hause ähnlich wie bei manchen gesellschaftlichen Diskussionen.
Sie haben junge Menschen getroffen, Menschen, die sich für Frieden einsetzen. Haben Sie das Gefühl, dass ein Umbruch möglich ist, oder bleiben sie die Stimme, die in die Wüste ruft?
Momentan sieht es noch so aus, dass es Stimmen sind, die am Rande stehen und noch keine Durchschlagskraft haben. Aber wenn man den Kontakt sucht und die Menschen entsprechend ermutigt, kann aus diesen zarten Pflänzchen ein Baum wachsen, als echtes Zeichen des Friedens und des Miteinanders. Die falsche Alternative wäre, alles diesen Fliehkräften zu überlassen, die Land und Leute noch mehr zerreißen und in Hass und Gewalt treiben.
Bei den Wahlen war vor allem in der arabisch-israelischen Gesellschaft ein Überdruss mit der Situation zu spüren, der zu einer hohen Wahlbeteiligung geführt hat. Deutet das darauf hin, dass sie ihr Schicksal gegen die Mehrheit in die Hand nehmen?
Mit den Wahlen waren klar Hoffnungen verbunden. 19 Sitze für arabisch-israelische Parteien sind eine starke Botschaft, auch die Demonstrationen für eine arabisch-jüdische Regierung. Ob es Gehör findet, ist eine andere Fragen.
Eine Minderheit innerhalb der arabischen Minderheit sind die Christen. Was sind ihre Hoffnungen und Ängste?
Die arabischen Christen sind hier beheimatet und wollen in dieser Heimat bleiben und hier ihre Zukunft aufbauen. Die Frage ist, ob die Gesamtgesellschaft bereit dazu ist, ihnen das zu ermöglichen.
Sehen Sie Möglichkeiten wie die Weltkirche, Ihr Erzbistum oder die Kinderhilfe Bethlehem, deren Schirmherr Sie sind, die Christen vor Ort unterstützen kann?
Wir zeigen unsere Unterstützung durch Besuche, durch eine Präsenz im Heiligen Land, durch Kontaktpflege zu den verschiedenen Gruppen. Es wäre schlecht, wenn wir als Weltkirche das Gefühl vermittelten, dass uns die Probleme in diesem Land und der Christen hier nicht interessierten. Wir müssen in diesen schwierigen Zeiten solidarisch zusammenzustehen.
Hauptanlass meines Besuchs war die Einweihung der Tageschirurgie am Caritas Baby Hospital in Bethlehem. Sie ist ein klares Statement, dass wir da sind, um zu helfen, dass wir an der Seite der Menschen stehen und sie nicht im Stich lassen. Wir helfen nicht nur mit Gebeten, sondern auch in dieser Form von Zuwendung. Wenn man auf die Ethik der großen Religionen schaut, gibt es einen großen gemeinsamen Schatz. Daraus lassen sich Entwicklungen anstoßen, ohne, dass ich dem anderen etwas wegnehmen oder ihn infrage stellen muss. Auf diesem großen gemeinsamen Fundament kann man doch eine Gesellschaft aufbauen.
 
 
Sehen Sie Möglichkeiten der Kirche, gegenüber der Politik und jüdischen oder muslimischen Gruppen proaktiv auf ein Umdenken einzuwirken?
Als Kirche sind wir vernetzt, auch im Blick auf andere Religionsgemeinschaften. Wir können für die verschiedenen Problematiken sensibilisieren. Sie aufzuzeigen und im Gespräch zu bleiben, kann da und dort ein kleines Rädchen drehen. Es sind die mühsamen kleinen Tropfen, die mit der Zeit das Fass füllen können. Wir können den Menschen guten Willens - egal wo sie sind und in welcher Religionsgemeinschaft oder Weltanschauung sie beheimatet sind - den Rücken stärken.
 
Bis diese Erkenntnis zu allen durchgesickert ist, könnte sich die Situation weiter verschärfen. Wo sehen Sie momentan die Gefahr?
 Wenn das gesellschaftliche Miteinander vom grundlegenden Misstrauen geprägt ist, kann es keinen gemeinsamen Fortschritt geben. Gegen dieses Misstrauen gilt es, ein Vertrauen aufzubauen. Das geht nur mit Personen, die genauso an diesem Frieden und guten Miteinander arbeiten wollen. Die Kontakte zu ihnen zu pflegen, ist das A und O, um Vertrauen langfristig aufzubauen.
Sie haben Bethlehem erwähnt. Inwiefern unterscheidet sich die Stimmung in Bethlehem von dem, was Sie bei Begegnungen in Jerusalem oder Israel erlebt haben?
Auf beiden Seiten ist bewundernswert, dass nicht zuerst auf die komplizierte politische Situation, sondern vielmehr auf die Hoffnung geblickt wird. Nehmen wir die Tageschirurgie: An ihrem Bau waren viele Hände involviert. Sie haben gemeinsam was hingestellt für die Kinder in der Region. Man redet nicht das Problem groß. Auch wenn man uns Knüppel zwischen die Beine wirft, wollen wir zuerst Lösungen finden, die es uns erlauben, weiterhin exzellent zu bleiben.
Ein Anliegen der Kirchen vor Ort ist die Wiederkehr der Pilger. Legen Sie ihren Gläubigen einen Besuch im Heiligen Land ans Herz?
Es ist ein besonderer Ort für uns als Christinnen und Christen. Das Land und die Leute haben es verdient, dass man kommt. Ich kann die Ängste, die bei manchen bestehen, nicht wegwischen. Aber von meiner persönlichen Erfahrung sehe ich keine Schwierigkeiten für einen Pilgerbesuch. Für mich ist es immer wieder eine Bereicherung. Hier ist Jesus Christus als der Friedensfürst geboren worden. Auch wenn das Land in einer riesigen Zerreißprobe steckt, bleibt es das Heilige Land, von dem ein Frieden ausgehen könnte, der weltweit die Basis für das Miteinander bilden würde. Von dieser biblischen Vision der Völkerwallfahrt wollte ich nicht ablassen.
 
(Das Interview führte Andrea Krogmann, KNA-Jerusalem)